Über Gisela



Als 51 er Jahrgang des letzten Jahrhunderts wurde ich am 29. Januar in dem kleinen Ort Burgau / Schwaben geboren. Die Freude war groß seitens des Bürgermeisters der nun einen Einwohner mehr zählte, und natürlich seitens der Familie die dato noch nicht ahnte welch Turbulenzen sie mit der Aufzucht eines „ Wassermannkükens „ erwartete.

Da man mich nie dorthin trug wo es mir am interessantesten schien, sah ich mich dann mit elf Monaten gezwungen meine eigenen Schritte zu gehen. Zwar waren krumme Beine der Preis aber mal ehrlich was wiegt denn Schönheit gegen grenzenlose Freiheit. Ab da begann also die Zeit wo ich meine Experimentierfreude meine Lust immer wieder Neues zu entdecken lebte, nicht immer unter Beifall meiner Mitmenschen.

Ich war wohl etwa fünf Jahre alt, als dann das erste menschenähnliche „ Kunstobjekt „ entstand. Während meine Freundinnen Schneemänner aus verschieden großen Kugeln, Kohlen Töpfen und Karotten gestalteten, verursachte mein Exemplar helle Aufregung bei einigen Familienmitgliedern. Nicht etwa weil selbiger wie ein weiblicher Mensch, er hatte nämlich weibliche Brüsten, aussah----- nein, die vermisste Lesebrille samt Pfeife meines Opas steckten in seinem Gesicht, auf dem Kopf trug er Großmutters neueste Hutkreation und über den Busen heftete ich kunstvoll einen Büstenhalter meiner Mutter. Doch ich mochte meine Schneefrau so gern, dass ich ihr jeden Tag eine meiner Geschichten erzählte wobei sie lächelnd dahinschmolz. Ob dieser Vergänglichkeit wendete ich mich dann den temperaturresistenteren Materialien zu.

Recht unspektakulär verlief meine Schulzeit bis auf die Erfahrung, das Realität gefragter als Fantasie war. Meine wiederholten Versuche mathematische Regeln zu reformieren fand bei der Lehrerschaft wenig Anerkennung und so ernteten denn diejenigen meine Symphatie die mich in Musik, Geschichte, Kunst und Werken unterrichteten. Wann immer ich mich gestalterisch austoben durfte, war ich in meinem Element. Und so modellierte ich auch während der Schulzeit lebensgroße Figuren, jetzt aber aus Pappmache‘, die ich bemalte.
Um die Familie vor weiterem Kleiderraub zu verschonen, durchwühlte ich Speicher und Altkleidersäcke wobei ich immer fündig wurde um meine Gesellen einzukleiden.

Mein Beruf stand für mich fest-- Dekorateurin oder Maskenbildnerin--. Für meine Eltern auch-- technische Zeichnerin--. Und sie gewannen, aber nur weil es in den ersten beiden keinen freien Ausbildungsplatz mehr gab und in letzterem ich, warum auch immer die Aufnahmeprüfung bestand. Nachdem ich dann ausgebildete Technische Zeichnerin war, verwirrte ich so manch Maschinenbauer der seine Konstruktion, nachdem ich sie mit künstlerischer Kreativität bearbeitet hatte, nur schwer wieder erkannte. Wenn ich auch mit der Zeit besser wurde, so konnte dieser Beruf nie mein Herz gewinnen, das gewann ein tüftelnder „ Wassermann „ aus der zweiten Etage mit dem ich nun seit über vierzig Jahren verheiratet bin.

Noch während der Aufzucht unseres „ Jungfraukükens „ begann ich dann endlich wieder meinen wahren Neigungen nachzugehen. Kaum etwas wurde links liegen gelassen, ob malen töpfern, modellieren, alles machte mich glücklich. Bis—ja bis ich vor achtzehn Jahren wieder bei meinen Puppen landete. Als Autodidaktin, die ich immer war versuchte ich mich eines Tages im Schnitzen. So sind meine Puppen heute aus Lindenholz zwar kleiner an Statur nicht aber an Persönlichkeit.